Um- und Abbrüche in Erprobungsräumen: Was festigt in der Krise?

Im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung der Erprobungsräume der EKM interviewte die Forschungsstelle MKG Verantwortliche aus vier Initiativen, die große Um- oder Abbrüche erlebt hatten. Nun steht der Ergebnisbericht steht zur Verfügung.

Seit 2015 gehören Erprobungsräume (EPR) in die vielfältige Landschaft der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Seitdem haben mehr als siebzig Initiativen neue Ausdrucksformen von Kirche erprobt und auf vielfältige Weise Resonanz erlebt: Ihre Idee stieß auf Interesse, Menschen ließen sich ansprechen und neue Kooperationen entstanden. Viele der EPR erlebten aber auch große Herausforderungen: Zentrale Personen verließen das Team, die finanzielle Förderung lief aus oder die Beteiligten gerieten in Konflikt. Fünfzehn der EPR stellten ihre Tätigkeit daher innerhalb der ersten zehn Jahre des Programms wieder ein. Vor diesem Hintergrund interviewte die Forschungsstelle MKG Verantwortliche aus vier EPR, die große Um- oder Abbrüche erlebt hatten.

In der Untersuchung zeigte sich, dass für die Entwicklung und Krisenfestigkeit der EPR die Qualität ihrer Beziehungen zentral war. Vor allem teamintern, aber auch zu externen Akteur:innen:

  • Als wesentliche Kontinuität erwies sich die geistliche Kern-Gemeinschaft der EPR. Aus dem Zusammenhalt und dem geistlichen Miteinander schöpften Verantwortliche wertvolle Impulse, die Veränderungen aktiv zu gestalten. So wurde es möglich, am gemeinsamen Anliegen des Projektes fest zu halten, aber in der konkreten Ausgestaltung flexibel zu sein und das Projekt an sich verändernde Voraussetzungen anzupassen.
  • Die Beziehungen zu entscheidungstragenden externen Akteur:innen, wie Projektträgern oder kirchlichen Regelstrukturen, stellte sich als reibungsvoll dar. Diese Bezüge werden mit wenig Gestaltungsspielraum, fraglicher Verlässlichkeit und wenig Anteilnahme oder Vertrauen in die Projekte in Verbindung gebracht.

In der abstrahierenden Zusammenführung der Ergebnisse zeigen sich im Beziehungsgefüge der EPR auf drei Ebenen Ambivalenzen, welche die Entwicklung eines Wir-Gefühls erschweren. Zugleich lassen sich Strategien und Maßnahmen ausmachen, mit denen diese bearbeitet werden: Durch Erwartungs- und Rollenklarheit, strukturelle und konzeptionelle Transparenz und eine weitreichende Partizipation wirken die Projekt- und Programm-Verantwortlichen darauf hin, dass sich ein „Wir des Erprobens“ formt und stabilisiert, welches sich auch in Krisenzeiten als tragfähig erweist.

Evaluation kirchlicher Praxis und Transdisziplinarität? – Eindrücke von der Jahrestagung der DeGEval

Erstmalig in diesem Jahr stellten verschiedene Akteure der Evaluation kirchlicher Praxis ihre Zugänge in einer gemeinsamen Session auf der DeGEval-Jahrestagung vor und stießen damit auf reges Interesse. Die einzelnen Beiträge ließen in ihrer Unterschiedlichkeit die Komplexität des Anwendungsfeldes erkennen und ergänzten sich dabei: Das Zentrum für Angewandte Pastoralforschung (ZAP) präsentierte Wirkfaktoren für Kirchenbindung, der Beitrag des Sozialwissenschaftlichen Instituts (SI) der EKD näherte sich der Kirche als paradoxer Organisation, das Institut zur Erforschung von Mission und Kirche (IMK) gab Einblicke in die Messung von Congregational Flourishing und die Forschungsstelle für Missionale Kirchen- und Gemeindeentwicklung (MKG) hob das Potential eines programmtheorieorientierten Vorgehens für die Evaluation landeskirchlicher Innovationsprogramme hervor. Rund um die Session kamen auch Austausch und Vernetzung untereinander nicht zu kurz.

Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Evaluation – das bedeutet: Ca. 300 Evaluator:innen aus Deutschland, der Schweiz und Österreich, eine Fülle methodischer, theoretischer und operativer Impulse und viel Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch in einer offenen Community. Auch in diesem Jahr war die Bandbreite von Ansätzen und Anwendungsfeldern der Tagungsbeiträge enorm: Sie reichte von der Vorstellung haarkleiner Interview-Analysen mittels dokumentarischer Methode bis hin zu hoch komplexen Wirkmodellen von Entwicklungshilfe- oder Umweltschutzprogrammen.

Thematisch stand die Jahrestagung in diesem Jahr unter dem Titel „Transdisziplinarität: Impulse für und durch Evaluation!?“. Auch wenn die klare Ein- und Abgrenzung transdisziplinärer Forschung im Tagungsverlauf immer wieder Anlass zur Diskussion gab, stellten sich doch einige Kernelemente als zentral heraus: Transdisziplinäre Forschung reagiert auf komplexe, gesellschaftliche Probleme und integriert dazu Wissen nicht nur aus verschiedenen fachlichen Disziplinen sondern auch aus Wissenschaft und Praxis. Dabei ist ihr auch ein gestalterisches, transformatives Interesse eigen. Als solche ist sie also unmittelbar anschlussfähig für das kirchenentwicklerische Anliegen der MKG und die kollaborativen und partizipativen Forschungsansätze, mit denen sich die verschiedenen Forschungsstellen unter dem Dach des CES auseinandersetzen. Um diese Einsicht bereichert und mit dem Kopf voller neuer Ideen und Eindrücke ging es zurück nach Halle.